Kapitel 1
Februar (3 Monate)
„Wenn sie aber die Schiffe bis morgen nicht vom Hafen gebracht haben werden die von der Pest infizieren Menschen nicht früh genau fort sein und Andere anstecken!“ Die Stimme der Königin schnitt durch die Luft wie ein frisch geschmiedetes, unbenutztes Messer. Sie hielt ihr Baby in den Armen. Ein Mädchen. Wie immer. Aber dieses Mädchen war anders als ihre anderen Töchter. Das hatte sie schon gespürt, als sie es zum ersten Mal in den Armen gehalten hatte. Der Kapitän starrte auf die rote Wange der Königin. Und auf ihre geschwollenen Augen. Überbleibsel der Diskussion, die sie erst heute Morgen mit ihrem Gemahl geführt hatte. Es war natürlich eine Schlechte Idee gewesen. Schließlich war er heute Morgen übler Laune gewesen. Die verletzte Wange schmerzte. Doch Königin Amelia war keine schwache Frau. Sie ertrug die Drohungen ihres Mannes und die Annäherungsversuche seines Vaters mit erhobenem Kopf. „Was ist mit eurem Gesicht geschehen, eure Hoheit?“, fragte der Kapitän. Königin Amelia war von so viel Unverfrorenheit überwältigt. Sie brauchte drei Anläufe um die richtigen Worte zu finden. Das Kind in ihren Armen wiegte sie dabei sanft hin und her. „Ich wüsste nicht was euch das angeht! Halten sie ihre dreckigen Finger weg aus meinem Leben! Ich möchte, dass die Schiffe bis morgen aus dem Hafen verschwunden sind. Zum Wohle meines Volkes! Zum Wohle meiner Kinder! Wenn sie bei Morgengrauen den Anker noch nicht gelichtet haben, schicke ich ihnen meinen Mann. Und er wird nicht so einfach bitten. Mein Gemahl will Ergebnisse sehen!“ Der Kapitän nickte knapp. Als die Königin sich bereits zum Gehen abgewandt hatte, öffnete er noch einmal den Mund und fragte: „Wann gedenken eure Majestät denn unserem Königreich einen Erben zu schenken?“ Königin Amelia drehte sich nicht noch einmal zu dieser unverfrorenen Person um. Sie ging einfach zu der wartenden Kutsche und stieg ein. Der Kutscher schnalzte mit der Zunge und der Wagen fuhr davon. Die Königin strich sanft über die Stirn ihres Babys. Eigentlich hatte ihr Gemahl gewollt, dass sie es tötete. Aber Amelia hatte sich geweigert und so die Existenz ihrer Tochter gesichert. Selina Maria war ihre sechste Tochter. Gerade mal drei Monate alt. Ihre älteste Tochter war vierzehn. Ein Kind, mit den grauen Augen ihres Vaters, den schmalen Lippen der Mutter und dem gehässigen Lächeln ihrer Großmutter. Amelias Schwiegermutter pflegte einen solchen Hass gegen die Gattin ihres Sohnes, dass sie überall Spione postierte. Das machte es Amelia schwer sich zu konzentrieren. Überall waren die Augen der Krähe. Nicht viele nannten Mildred eine Krähe. Die Bezeichnung hatte ihr Rose, die zweitälteste Tochter der Königin, gegeben. Man konnte bei Mildred tatsächlich Ähnlichkeiten einer Krähe feststellen. Die alte Frau trug seit dem Tod ihres zweiten Sohnes nur schwarz. Ihre Nase war hakenförmig und ihr Haar war schwarz wie eine sternenlose Nacht. Natürlich durfte niemand den geheimen Namen Mildreds erwähnen, wenn diese im Raum war, oder sie hören konnte. Das hatten selbst die jüngsten Töchter bereits begriffen. Selina Maria konnte noch nicht sprechen, aber Amelia hoffte, dass auch sie niemals den Fehler machen würde, ihre Großmutter als Vogel zu bezeichnen. Die Kutsche ratterte über einen sehr schlecht gepflasterten Teil der Straße. Die kleine Prinzessin wachte auf. Ihre graublauen Augen funkelten kurz wie Sterne. Sie sah ihre Mutter an. Mit diesem wachen Blick den der Arzt stets als Werk des Teufels bezeichnete. Jede Woche kam er um nach der Kleinen zu sehen. Es war einer seiner unliebsten Besuche. Er bekreuzigte sich jedes Mal, wenn er vor der Kammer der Königin stand. Auch er hatte versuchte das Baby zu erwürgen, als die Königin nicht hinsah. Fast vierzig Sekunden hatte er ihr den Atem abgeschnürt. Trotzdem hatte das kleine Mädchen überlebt. Selina Maria schrie nie. Kein einziges Mal, seit sie auf Erden weilte. Ihre Mutter glaubte, dass der Herrgott ihr das Kind gesandt hatte. Zu Belohnung für all das Leid, dass sie ertragen musste. Doch warum hatte der Herrgott ihr nicht einfach einen Sohn geschenkt? Das Königreich brauchte einen Erben. Und es brauchte keine Frau. Während die Kutsche über Steine ratterte, versuchte Amelia ihre Tochter wieder in den Schlaf zu singen. Doch es stellte sich aus schwerer heraus, als zuerst vermutet. Das kleine Mädchen bekam noch nicht einmal schwere Augenlieder. Die Königin seufzte. Sie schob den Stoffvorhang zu Seite und blickte auf die Gärten, die vor dem Palast angelegt waren. Der Geruch von Rosen, Lavendel und Thymian schlug ihr entgegen. Hier war sie sicher. Sich vor der Pest. „Aber wer weiß wie lange noch…“, flüsterte die Königin. Die Angst, dass die Pest auch sie und ihre Töchter dahinraffen könnte, schlummerte in ihr wie ein schlafender Riese und wurde stets geweckt, wenn sie den Teufel an die Wand malte. Manchmal, wenn sie neben ihrem Gemalt im Ehebett lag, träumte sie davon, wie jede ihrer Töchter starb. Und schließlich auch sie. Der Traum verfolgte sie wie ein Todbringer. Er hatte sich in den Pfosten ihres Ehebettes eingeritzt und war nun hier wie ein ungebetener Gast. Selina Maria umschloss mit ihrer winzigen Hand den Zeigefinger ihrer Mutter. Sie schien blonde Haare zu bekommen. Die Haare ihrer Mutter.
